„Also haben sich die Gläubigen Adalons dem Kampf gegen alles Böse verschrieben?“, fragte Thalidus. „So ist es Junge . Die Anhänger des Gottes Adalon versuchen alles in ihrer Macht stehende zu tun, um das Böse vom Angesicht der Welt zu tilgen“. Er überlegte kurz. „Also tun sie Gutes für die Welt und versuchen alle guten Wesen zu beschützen und bestrafen die Bösen?“, fragte er in seiner unschuldigen, kindlichen Neugierde und Wissbegierigkeit. Olaf, sein Großvater, schmunzelte und zog gemächlich an seiner Pfeife. Er setzte sich ächzend in eine andere Position, denn das Alter hatte ihn natürlich nicht ungeschont gelassen und so schmerzte ihm nun der Rücken. Dann nickte er. „Ja mein junger Thalidus, das tun sie“. Er blies den Rauch in den Raum, welcher schon voller Nebelschwaden hing und nach billigem Tabak roch.
Thalidus störte sich jedoch nicht daran, er liebte es, den Geschichten des alten Mannes zu lauschen. Sein Wissen erschien ihm damals unendlich. Nicht jedoch war das Wissen des Mannes unendlich, vielmehr war er der einzige, der über solche Sachen sprach. Seine Eltern und auch die anderen Bauern waren der Meinung, das Wissen nur den Verstand verwirrt und er sich lieber auf seine Arbeiten konzentrieren solle.
Doch zu groß war die Verlockung den Geschichten seines Großvaters zu lauschen und er wusste so vortrefflich zu erzählen, von den Elfen, den Zwergen, den Orks, den Drow. Von den Göttern hatte er auch oft erzählt.
Doch diese Geschichte interessierte ihn besonders. Wie von Zauberbann gehalten hatte er stillschweigend den Erzählungen seines Großvaters über die gläubigen Krieger Adalons gelauscht. Er war begeistert. Ein Feuer des Eifers und des Tatendrangs brannte in seinen Augen. Sein Großvater hatte dies bemerkt und daher geschmunzelt. Thalidus sprang auf. „Dann will ich auch ein Diener Adalons werden!“, verkündete er mit kindlichem Eifer. Der Alte schmunzelte erneut. „So, du willst den Hof deiner Eltern nicht übernehmen?“, fragte er. Thalidus winkte gelangweilt ab. „Ach nein, das sollen meine Brüder tun.“ Dann begannen seine Augen wieder zu glänzen. „Ich will Kämpfer werden, ich will für Adalon gegen die Bösen kämpfen“, verkündete er erneut. Eine Stimme war zu vernehmen, welche seinen Namen rief und keineswegs entging ihnen der ungeduldige Unterton darin. Seine Mutter. Olaf nickte. „Geh, sie ruft dich“, meinte er. Thalidus nickte, verabschiedete sich und ging zur Tür hinaus. „Bis nachher, mein junger Adalonkrieger“, schmunzelte er. Er hätte nie gedacht, dass Thalidus dies ernst gemeint hatte. Kinder wollen viel, wenn sie so jung sind. Er hatte gedacht, Thalidus würde schon nach wenigen Tagen wieder alles vergessen haben, was er in der Hütte gesagt hatte, und alles was er zu befürchten hätte, wären eine Predigt seiner Eltern, weil er ihm diesen Unsinn ins Ohr gesetzt hatte.
Doch Thalidus war es bitter ernst damit. Seit jenem Tage an betete er jede Nacht vor dem Einschlafen zu Adalon. In seinen Gebeten bat er Adalon meist um den Schutz derer, die er liebte und versicherte ihm seine Treue.
An seinem sechzehntem Geburtstag schenkte ihm sein Vater dann ein Schwert mit den Worten: „Du bist nun alt genug, du musst lernen dich und andere zu verteidigen wenn es sein muss.“ Dabei meinte er wohl weniger Thalidus Vorhaben, Krieger des Adalon zu werden, welchem er mit Verachtung gegenüber stand, sein Sohn sollte etwas Vernünftiges werden, als vielmehr die Raubüberfälle auf Dörfer, von denen immer wieder von Durchreisenden berichtet wurde.
Und doch: war die Arbeit getan, sah man Thalidus eifrig das Schwert führen und trainieren. Dieser Sommer war zugleich auch Olafs letzter gewesen. Nie hatte er seinen Großvater vergessen und er war ihm ewig dankbar dafür, dass…
„Thalidus wo steckst du wieder?“. Die Stimme riss ihn aus seinen Erinnerungen. Er war abgeschweift, hatte nachgedacht über Vergangenes. Er war kein kleiner Junge mehr, auch nicht sechzehn, mittlerweile war er dreiundzwanzig Sommer alt. Er war schon früh aufgestanden, an diesem milden Tag Ende des Herbstes. Die Ernte war bereits eingefahren. Sie war gut gewesen, diesen Winter würden sie nicht müssen hungern. Er hatte sich auf die Wiese etwas abseits des Dorfes gelegt, sich einen Grashalm in den Mund gesteckt, in den blauen Himmel gestarrt und nachgedacht. Mittlerweile mussten über zwei Stunden vergangen sein. Und die Stimme, die er zweifelsfrei erkannte, zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.
Lavina erschien über ihm. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften und setzte einen empörten Gesichtsausdruck auf. „Da bist du, elender Faulpelz. Die anderen laden schon die Wagen auf und du liegst hier und träumst faul vor dich hin. Ein schöner Mann wirst du mir sein!“. Sie starrte ihn noch ein einige Augenblicke lang an, dann zuckte es verdächtig in ihrem Mundwinkel und sie begann schallend zu lachen. Er liebte dieses Lachen, dieses fröhliche, ungebundene, freie Lachen. Er stimmte mit ein.
Lavina Kandel war einen Sommer jünger als er. Sie beide kannten sich seid ihrer Kindheit. Doch erst vor etwa drei Jahren hatten sie sich ineinander verliebt. Sie hatten beschlossen zu heiraten und ihre Eltern hatten ihnen den Segen erteilt. Es stand ihnen also nichts mehr im Wege. Im nächsten Frühling, sollte die Feier stattfinden.
Thalidus erhob sich. Er nahm seine Braut in die Arme und küsste zart ihre Lippen. Jemand räusperte sich. Erschrocken ließ Thalidus ab. Ludwig Lebres, ein guter Freund von beiden, stand mit einem unverschämten Grinsen im Gesicht da. „Ich hoffe, ich störe nicht…“, sagte er und grinste noch breiter. „Doch tust du und jetzt verschwinde“, sagte Thalidus und grinste dabei. „Nun wie auch immer, wir sind fertig. Wir werden bald fahren“. Thalidus nickte. Er bückte sich, pflückte eine der letzten Blumen und steckte sie Lavina ins Haar. Sie lächelte und küsste ihn auf die Wange.
Dann gingen sie zurück ins Dorf. Heute würden sie mit seinem Vater zusammen zum Schloss des Fürsten Davvol Evincar fahren. Er war vor einigen Jahren in diese Gefilde gezogen und in ihr Dorf gekommen, um ein Handelsabkommen zu treffen. Sie brachten ihm Korn, Obst, Fleisch, Honig und Gemüse einmal im Monat und er gab ihnen dafür Geld. Thalidus hatte ihn noch nie gesehen. Aber heute sollte er mit seinem Vater, Ludwig und Lavina zum Schloss des Fürsten fahren, um die monatlichen Waren des Dorfes zu überbringen. Normalerweise fuhren immer sein Vater und der Vater Ludwigs, doch der war erkrankt und so hatten sich Ludwig, Lavina und er angeboten, seinen Vater zu begleiten. Thalidus freute sich darauf, einmal etwas anderes als dieses Dorf von vierzehn Häusern zu sehen. Sie kamen im Dorf an und nach einer weiteren Stunde fuhren sie los.
Sie benutzten zwei Pferdewagen. Einen lenkte sein Vater zusammen mit Ludwig und fuhr vorne weg. Auf dem anderen saßen er und Lavina, die sich eng an ihn kuschelte, denn der Wind blies unangenehm kühl. Nach etwa einer Stunde Fahrt kam das Schloss, es war sehr klein, in Sicht und nach einer weitern halben Stunde hatten sie es erreicht.
Das „Schloss“, war nicht mehr, als ein Turm, etwa zehn Menschenlängen hoch und ein kleines Haus umgeben von einer Mauer. In die Mauer war ein Torbogen eingelassen. Ein zweiflügliges, kleines Portal war nach innen geöffnet. Der Fürst erwartete sie schon. Thalidus brachte das Pferd zum stehen und stieg ab. Er nahm den Fürst in Augenschein. Er war einen Kopf größer als er und von kräftiger Statur. Sein Haar fiel ihm lang über die Schultern und war von einem tiefem Schwarz, ebenso wie der Spitzbart, der sein Gesicht zierte. Er trug eine lange violette Robe, die mit vielen Verzierungen bestickt war. Seine Augen blickten klar und freundlich. Die Pferde jedoch waren unruhig und Thalidus ging zu ihnen und tätschelte beruhigend ihre Nüstern. Der Fürst begrüßte seinen Vater und bat sie dann, die Waren in den Hof zu tragen, er würde sich dann später darum kümmern. Thalidus hatte keine Ahnung, wo er all das Zeug in diesem kleinen Haus verstauen wollte, aber er widersprach nicht und begann mit dem abladen. Der Fürst beobachtete sie dabei.
Nachdem nur noch die Hälfte der Ware auf dem zweitem Wagen lag, fiel sein Blick jedoch auf Lavina, die stumm hinter dem Wagen gestanden hatte. Er lächelte und ging zu ihr. Thalidus stellte die Kiste ab, die er gerade trug, dann folgte er ihm. Lavina sah den Fürsten mit großen Augen an und ihre Lippen zitterten leicht. Der Fürst musterte sie. Dann hob er die Hand, legte sie Lavina unter das Kinn und hob so ihren Kopf hoch. „Was für ein schönes Kind…“, murmelte er. Der Ausdruck in seinen Augen wurde begierig. Thalidus ergriff ihn an der Robe und zog ihn unsanft weg. „Lasst eure Finger von meiner Braut!“, fauchte er den Fürsten an. Der Gesichtsausdruck des Fürsten änderte sich in Wut und wurde zu einer Fratze des Zorns. Seine Blicke schienen Thalidus aufzuspießen. Erschrocken wich er zurück und Lavina schrie auf. Sein Vater, der all dies mitbekommen hatte, fuhr ihn erschrocken an. „Bist du des Wahnsinns? Lass deine Finger von ihm!“. Dann wandte er sich an den Fürsten. „Bitte verzeiht meinen Sohn, er weiß es nicht besser, er ist nicht besonders intelligent müsst ihr wissen“. Thalidus wurde wütend über diese Lüge seines Vaters, der sehr wohl wusste, wie intelligent er war, ließ es sich aber nicht anmerken. Der Fürst blickte Thalidus noch einen Moment wütend an, dann wurde sein Blick so freundlich wie zuvor. Er lächelte. „Aber bitte, es war doch meine Schuld“, sagte er und ging wieder in den Hof. Ludwig, der die ganze Zeit über regungslos daneben gestanden hatte, fing wieder eifrig an abzuladen. Nach wenigen Momenten waren sie fertig und der Fürst deutete auf einen kleinen Sack in der Ecke des Hofes. Thalidus lud das Geld auf den Wagen seines Vaters und sie fuhren sehr eilig weg. Thalidus konnte die Blicke des Fürsten noch lange spüren, doch er drehte sich nicht um. Lavina hatte sich wieder schweigend an ihn gekuschelt.
Drei Nächte später klopfte es an seinem Fenster. Verschlafen öffnete er die hölzernen Läden. Ludwig stand draußen und warf Steine dagegen. „Was soll das?“, fragte er ärgerlich. „Komm raus. Und bring dein Schwert mit“, war die Antwort. Thalidus brummte und zog sich an. Er ergriff sein Schwert und schlich sich aus dem Haus. „Was ist los?“, fragte er Ludwig noch mal. „Komm mit“, sagte dieser nur einsilbig.
Er führte Thalidus aus dem Dorf raus. „Wohin gehen wir?“. Keine Antwort. Ludwig führte ihn etwa eine halbe Stunde lang durch die Gegend. Die Nacht war beängstigend. Thalidus ergriff sein Schwert fester. Dann erreichten sie eine Stelle, mit flachem Gelände. Mitten auf dem Gelände stand ein einsamer, abgestorbener Baum. Thalidus kannte diese Stelle.
An den Baum gefesselt stand Lavina, schluchzend. Ein leichter Ölgeruch wehte zu ihm herrüber. Eine Gestallt mit schwarzem Kapuzenumhang stand daneben. In der Hand hielt sie eine brennende Fackel. „Bei Adalon, was ist dies für eine Teufelei?“, schrie er und rannte auf Lavina zu. Ein harter Schlag in das Genick ließ ihn stürzen. Er kam hart auf und kämpfte gegen eine Ohnmacht. Mühsam und stöhnend stand er wieder auf. Alles drehte sich ihm. Ludwig hielt einen dicken Knüppel in den Händen. „Ludwig? Was soll das?“. Warmes Blut lief ihm in den Kragen. Keine Antwort. „Ludwig?“. Er schlug mit seinem Knüppel nach ihm. Thalidus sprang nach hinten weg. „Was soll das?“. Dann sah er ihm in die Augen. Sie waren, matt… leer. Sie schienen keinen eigenen Willen mehr zu besitzen. Die Gestallt in Schwarz lachte. Sie schlug die Kapuze zurück. Im Schein der blakenden Fackel erkannte er das Gesicht des Fürsten. „Du Teufel! Was hast du mit ihm gemacht? Und lass Lavina frei!“. „Ziemlich viele Forderungen für einen Mann in deiner Position. Dein Freund hier steht unter meiner Kontrolle. Ich habe deine Braut. Und du wagst es immer noch Forderungen zu stellen?“, zischte er wütend. "Schon am Schloß hätte ich dir am liebsten die Augen ausgebrannt, mit denen du mich so unverschämt angestarrt hast und dir deine dreckigen Hände abgeschlagen! Niemand behandelt mich wie einen Straßenköter verstanden? Niemand! Und schon gar kein... Bauerntölpel hat mir zu befehlen. Hörst du?" Thalidus bebte vor Wut. „Lass sie frei…beide…oder du wirst es bereuen“. Davvol lachte schallend auf. „Du amüsierst mich Bauer. Daher lasse ich dir eine faire Chance, wenigstens einen zu retten“. Er zog eine Sanduhr hervor. „Wenn der Sand abgelaufen ist und dein Freund noch lebt, stirbt das Mädchen. Ist er tot, wird sie leben. Nun entscheide dich“. „Lasst sie beide leben und tötet mich!“, rief Thalidus. Davvol lachte und drehte die Uhr um.
Ludwig griff ihn wieder an. Thalidus wich aus. „Komm zu dir Ludwig“, rief er. Doch Ludwig reagierte nicht. Schlag auf Schlag griff er an. Thalidus ersuchte ihn, doch wieder zu sich zu kommen. Vergebens. „Noch etwa 100 Körner“, sagte Davvol. „Schweigt Teufel!“, rief Thalidus. Was sollte er tun? Lavina sterben lassen? Oder Ludwig töten. Nein er konnte nichts von beidem tun. „Oh Adalon hilf mir“, bat er in Gedanken. „50 Körner“. Ludwig oder Lavina? Nein er konnte das nicht… „20“. Er schrie gequält auf. Er konnte dies nicht tun, diese Entscheidung war unmenschlich. Doch sie wurde ihm abgenommen. Ludwig stürzte sich erneut auf ihn. Thalidus reagierte zu spät und sein Schwert stand zwischen ihnen. Ludwig bohrte sich selbst das Schwert in die Brust. Seine Augen wurden wieder klar und sahen ihn erstaunt an, dennoch schien er zu wissen, was geschehen war. „Vergib mir“, bat er Thalidus. „Oh Nein!Warum nur? Du darfst nicht von uns gehen. Bitte vergib mir meinen Fehler“, bat Thalidus unter Tränen. Ludwig nickte, dann erlöschte sein Lebenslicht.
„Die Zeit ist um“, sagte Davvol. Er öffnete seine linke Hand und die Fackel fiel zu Boden. Sobald sie den Boden berührte entzündete sich das Öl. Innerhalb von Sekunden war Lavina in den Flammen eingekesselt und schrie gequält und in Panik auf. „Nein!“, schrie er und lief los. Davvol lachte. Er machte eine Geste mit beiden Händen und verschwand. Thalidus lief zu Lavina, durchschnitt die Stricke, warf sie auf den Boden und wälzte sie. Die Flammen erloschen qualvoll langsam, nicht jedoch ihre Schmerzensschreie. Endlich waren alle Flammen gelöscht. Doch zu spät. Lavinas Kleidung, ihr Haar, ihre Haut, alles war dem Feuer zum Opfer gefallen. „Nein“, wimmerte er. Er bettete ihren Kopf in seinen Schoß. Sie würde sterben. "Oh bitte mein Herr, laß sie nicht sterben", bat er Adalon. Eine winzige Flamme der Hoffnung war noch in ihm, doch sie wurde stetig schwächer. Lavina hob langsam die Hand und streichelte seine Wange. Ihre Haut war rissig und heiß, viel zu heiß. Die Flamme zitterte, wurde schwächer, kleiner. „Es war… schön mit dir…“, krächzte sie mühsam. „Nein sprich nicht. Du wirst wieder gesund. Ich werde dich auch so lieben“, versprach er. Die Flamme wurde schwächer, kleiner. Sie weinte. „Ich liebe dich“, flüsterte sie. Schwächer, kleiner. „Ich liebe dich auch“, entgegnete er. Sie lächelte noch ein letztes mal. Dann entschlief sie. Und die Flamme erlosch.
Thalidus presste sie weinend an sich. Lange saß er so da, sehr lange. Er schloß ihre Augen und bat Omantis, ihre Seele und auch die Ludwigs sicher in das Reich Adalons zu geleiten und dort über sie zu wachen, bis er ihr folgen würde.
Rache. Das war sein erster, klarer Gedanke. Rache. Rache. RACHE!!!! Er sprang auf und ergriff sein Schwert. Er zuckte zusammen, als seine von Brandblasen bedeckten Hände sich schmerzhaft um das kalte Metall schlossen. Dann blickte er in den Himmel und schrie: "Mein Herr Adalon höre mich an! Schon zwei Mal hat diese Nacht Blut getrunken, das Blut Unschuldiger. Deshalb wirst du mir sicher bei meinem gerechten Unterfangen beistehen. Noch einmal soll die Nacht trinken. Und es soll entweder mein Blut sein, oder das des verfluchten Dämons!". Dann lief er los.
Er lief zwei Stunden lang durch die Nacht. Wut und Haß gaben ihm die Kraft, die stechenden Schmerzen in seiner Seite und sein atemloses Keuchen zu ignorieren. Dann erreichte er völlig außer Atem das Schloss des Fürsten. Das Portal stand offen. Er trat hindurch. Die Waren lagen nicht mehr auf dem Hof. Die Tür des Hauses stand einen Spalt offen. Licht fiel hindurch. Er hob sein Schwert und trat ein. Der Raum hinter der Tür war leer. Überall stand Gerümpel, aber keine Spur von dem Hexenmeister. Ja er war sicher, Davvol war ein Magier. Hätte er auch nur ansatzweise geahnt, wie mächtig Davvol war, hätte er sein sinnloses Unternehmen schon zu diesem Zeitpunkt aufgegeben. Doch von solchen Dingen verstand er nichts. An der Rückwand war eine weitere Tür. Sie war abgeschlossen. Thalidus brach sie auf. Seine Schulter schmerzte, doch das spürte er nicht mehr. Hinter der Tür lag eine Treppe. Thalidus stieg sie hinunter. Sie endete in einem Korridor, der von spärlichem Fackellicht erhellt wurde. Immer noch keine Spur von dem Fürst. Thalidus folgte dem Gang nach Rechts. Er endete in einem offenem Raum, in dem sämtliche Waren aufgestaut waren. Aber sonst nichts. Also ging er in die andere Richtung. Dort sah er etwas, was ihn zutiefst erschreckte. Der Gang endete an einer Zelle. In der Zelle lag ein Knabe, etwa zehn Sommer alt. Seine Kleidung und sein Gesicht waren von Schmutz und Blut bedeckt. Ein wiederlicher Gestank drang aus der Zelle. Thalidus rüttelte an der Tür. Der Knabe erwachte erschrocken, dann sah er ihn verblüfft an. „Wer… wer seid ihr?“, fragte er. „Mein Name ist Thalidus. Wer bist du und was tust du hier?“. „Mein Name ist Dalen. Ich bin Weise. Meine Mutter starb, als ich drei war. Meinen Vater kannte ich nie. Ich lebe davon, mir von anderen Leuten etwas zu…leihen. Ich habe hier nach etwas zu essen gesucht. Allerdings hat der Alte mich hier entdeckt und eingesperrt. Zwei Sommer müssen es nun schon sein“. Zwei Sommer? Unfassbar. „Ich hole dich hier raus. Wo ist der Schlüssel?“. „Er hat ihn, er trägt ihn stehts bei sich“. Thalidus nickte. "Tritt beiseite", sprach er. Dann nahm er einen gewaltigen Anlauf und sprang gegen die Tür. Krachen riß sie aus den Angel und fiel in die Zelle. Thalidus stöhnte, denn er hatte sich zahlreiche Prellungen zugezogen. Er rappelte sich auf und sah den Jungen an. „Los schnell komm!“.
Sie rannten den Korridor entlang, die Treppe hoch und auf den Hof. Immer noch keine Spur von dem Hexer. Dann hörte Thalidus ein Lachen und drehte sich um. Der Hexer stand auf dem Turm und lachte ihn an. Nur mühsam und mit zusammengekniffenen Augen konnte er ihn sehen. „Elender Narr. Nicht nur das du mich beleidigt hast und nichts aus deiner Strafe gelernt hast, nun stiehlst du auch noch mein Eigentum. Aber du bist mutig. Das respektiere ich. Ich lasse dich am Leben, doch ich werde dafür sorgen, dass du immer an mich denken wirst“. Mit diesen Worten hob er seine Arme und murmelte leise. Dann schoss ein dunkler Schemen auf ihn zu. Er traf ihn im Gesicht. Seine Augen begannen zu brennen. Thalidus ließ sein Schwert fallen, schlug die Hände vors Gesicht und heulte auf. Er konnte nichts mehr sehen. Er war geblendet. Er spürte, wie ihn eine Hand ergriff und mit sich zerrte. Lange lief er und stolperte oft. Dann konnte er einfach nicht mehr. Er brach zusammen.
Er schlug die Augen auf und erwachte in einem hellen Raum. Hell. Der Raum war hell. Er konnte wieder sehen! Er richtete sich auf. Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Kopf. Stöhnend griff er sich an eben jenen. „Langsam, ihr seid noch nicht völlig Genesen“, sagte eine Stimme neben ihm. Ein Mann mit heller Robe schaute ihn an. „Wo… bin ich?“, fragte er. „Ihr seid in einem Tempel des Adalon. Der Junge brachte euch zu uns. Ihr seid vor unserem Tempel zusammengebrochen. Große Magie hatte euch verwundet. Wir konnten eure Blindheit heilen, da die arkane Kraft nicht auf eure Blindheit konzentriert war, doch… es hat Spuren hinterlassen“. „Wie meint ihr das?“, fragte Thalidus. Der Priester gab ihm einen Spiegel. Thalidus konnte nichts besonders erkennen. Seine Augen sahen aus wie immer, höchstens verweint und müde. Und traurig, unendlich traurig. Aber auch hasserfüllt. „Weint“, sagte der Priester. Thalidus sah ihn verständnislos an. „Ihr müsst weinen“. Thalidus rieb sich über die Augen, bis eine Träne seine Wange entlangwanderte. Dann sah er es. Seine Träne war schwarz. „Wie ist das möglich?“, flüsterte er. „Ich weiß es nicht“, antwortete der Priester. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Es scheint, dass dieser Zauber speziell bereitet wurde. Der Magier, der ihn wirkte, muss die schwarzen arkanen Künste sehr gut beherrschen “. „Aber… schwarze Tränen gibt es nicht…“ Der Priester zuckte nur hilflos und entschuldigend mit den Schultern. „Wie lange… wird es so bleiben?“. „Nun ich fürchte so lange ihr lebt“. Thalidus war geschockt. Er sollte wie ein Monster weinen? Schwarze Tränen, dunkler als die Nacht und so schwarz wie die Seele eines Dämons? Wer würde ihn so akzeptieren? Wer würde keine Angst vor ihm haben? Dann erinnerte er sich an die Worte des Hexenmeisters. „Du wirst immer an mich denken“. Er bebte vor Wut und krallte sich in sein Laken. Doch langsam beruhigte er sich wieder. Er wollte die Ruhe dieses Ortes nicht stören.
Dalen kam in den Raum. Seine Kleidung war nun sauber und neu und er war gewaschen worden. „Oh ihr seid aufgewacht“, freute er sich. „Du hast mich hier her gebracht?“ Dalen nickte. „Ich danke dir“. Der Junge hatte unter dem Magier mindestens ebenso gelitten, wie er. Er sah nun zahlreiche Narben an seinen Armen und im Gesicht. Er war ein Opfer des Magiers, genau wie er. Er stand auf und kleidete sich an. Dann hielt er inne. „Du sagtest doch du bist Weise“. Dalen nickte. „Nun wo du frei bist, was hast du vor zu tun?“. Dalen zögerte. „Nun ich werde wohl wieder so weitermachen wie bisher…“ Thalidus schüttelte den Kopf. „Nein ich habe eine bessere Idee. Wie wäre es, wenn du mit mir reist?“. „Das wollt ihr mir erlauben? Oh vielen Dank Herr!“. Thalidus nickte. Sie waren…Brüder. In einem gewissem Sinne. Sein Entschluss stand fest. Er würde nicht nach Hause zurückkehren. Nein, er würde in die Welt ziehen um Erfahrungen zu sammeln. Reife. Stärke. Und Dalen würde mit ihm kommen. Das war für beide besser. Dalen würde mit dem stehlen aufhören, zumindest würde er dafür sorgen. Und er würde ihn akzeptieren. Sie beide waren Opfer des Magiers.
Die Priester brachten ihm ein Schwert. „Hier ihr werdet dies, vieleicht brauchen können. Dem letzten Krieger den wir hier zu retten versuchten, wird es nichts mehr nutzen. Möge es euch mehr Glück bringen, als seinem vorherigen Besitzer“. Thalidus nickte und nahm es an sich und gurtete es an. Anschließend ging er in die Gebetshalle und kniete nieder. Er forderte Dalen auf, es ebenso zu tun. Er begann zu beten, bat Adalon, seine Familie zu schützen und dankte ihm, dass er noch am Leben war. Lange betete er und versicherte Adalon seine tiefe Treue, auch wenn Lavina und Ludwig gestorben waren und der Hexenmeister lebte. Dann bedankte sich bei den Priestern und verabschiedete sich. Er drehte sich außerhalb des Tempels im Kreis. „Irgendwann Hexenmeister. Du und ich. Ich werde nicht verlieren und wenn ich sterben sollte, so werde ich dich mit mir in die Abyss reißen“. Dann gingen sie los, hinaus in die Welt. Wohin? Das wusste er noch nicht.
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Nur der Kleingeist hält Ordnung, das Genie überblickt das Chaos